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Matthias Friedrich Muecke, kunstanst!fter Verlag

Lesungen und Gespräche sind in jedem Jahr Glanzlichter der BUCHMACHER-Messe. Durch die Absage der Messe für unabhängige Verlage, haben wir die eingeladenen Autor*innen gebeten, uns ein Interview zu geben. Den Anfang macht Matthias Friedrich Muecke, der über sein Buch "Niemandsland" spricht

Über das Buch:
Berlin während des Kalten Krieges. Aus der Perspektive des Zeitzeugen und mit einem genauen Blick für die Besonderheiten und Entbehrungen des Ostberliner Alltags erzählt Matthias Friedrich Muecke die Geschichte zweier Heranwachsender. Vorlaut und unerschütterlich der eine, schüchtern und fragil der andere. Mit Indianerehrenwort schwören sich die unzertrennlichen Freunde ewige Verbundenheit, gehen gemeinsam durch dick und dünn, erleben die Willkür eines autoritären Systems – und werden schließlich aufmüpfige Teenager, die eine unbändige Gier nach Abenteuern verbindet. Doch das Verlangen nach Freiheit und Unangepasstheit wird ihnen zum Verhängnis – und führt in eine Katastrophe.

Seinen fragmentarisch gehaltenen Kindheitserinnerungen stellt Matthias Friedrich Muecke skurrile, teils verspielte, teils melancholische Schwarz-Weiß-Zeichnungen zur Seite, die atmosphärisch und detailgetreu eine märchenhafte Kindheit und eine längst vergangene Epoche wiederaufleben lassen.

Du erzählst in »Niemandsland« aus der Perspektive eines Zeitzeugen die Geschichte von zwei Kindern (später Jugendlichen), die Geschichte einer besonderen Freundschaft unter den Umständen eines autoritären Systems. Wie viel autobiographische Erfahrung und wie viel Fiktion stecken im Text?

Ich habe irgendwann angefangen kleine Episoden aus meiner Kindheit meinem jüngsten Sohn zu erzählen. Es gab eine Situation, wo er mal wieder Mist gebaut hatte und ich recht ungehalten reagierte. Eine Diskussion entflammte zwischen uns, bis er sagte: „Du warst ja bestimmt auch kein Musterschüler, oder? Erzähl doch mal, wie war’s denn damals bei dir, in deiner Kindheit... so kurz nach’m Krieg?“ Ich musste lachen. Kurz nach dem Krieg? Ich bin 1965 geboren! Der Krieg lag 20 Jahre zurück und auch wenn es in der damaligen DDR stellenweise immer noch wie kurz nach dem Krieg aussah, war ich über das Zeitempfinden meines Sohnes verblüfft.

Also holte ich aus und erzählte ein paar Kindergeschichten von mir und meinem besten Freund. Mein Sohn amüsierte sich köstlich, mit dem Fazit: „Du warst ja ein ganz schöner Rabauke!“ Seine Erkenntnis brachte mich auf den Boden der Tatsachen zurück: dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt! Meine Frau sagte: „Sieh in den Spiegel, da weißt Du von wem er das hat!“ Ich habe dann angefangen diese kurzen Episoden aufzuschreiben. Bin an die Orte meiner Kindheit zurückgekehrt. Mein Hinterhof-Karree, ein unendlicher Urwald, erschien mir jetzt winzig. Der Todesstreifen, das NIEMANDSLAND, wo damals die Berliner Mauer stand wird heute von Groß und Klein erobert! Die Eisdiele „Nordpol“ ist mittlerweile geschlossen und auch der Cliquenplatz verwaist. Nur das Gebäude der Wochenkrippe wird noch genutzt. Das heißt jetzt KITA „Regenbogen“ und die Mamas der Kleinen spielen mit im Buddelkasten. Doch mein Erlebtes hat sich auch mit Geschichten die um mich herum passiert sind verwoben. Ich sage immer: Die Erinnerung ist nur ein kleiner Teil der Realität. Nach ungefähr einem Jahr war eine beachtliche Kurzgeschichtensammlung entstanden und mein Sohn sagte diesmal: „Du musst das veröffentlichen, das wird ein cooles Buch!“ Ab diesem Zeitpunkt habe ich angefangen, ernsthaft an dem Stoff zu arbeiten. Es ist bei einer guten Geschichte wichtig, den richtigen point of view zu finden, habe ich mal gelesen. Die Struktur des Erzählens, den richtigen Bogen zu spannen und das Einzelne mit dem Ganzen zu verbinden. Das liest sich relativ einfach und klingt plausibel, aber das war es nicht!

 

Wie lange hast du an dem Manuskript gearbeitet? Hast du dabei nur auf deine eigene Erinnerung zurückgegriffen oder noch weitere Recherchearbeit betrieben, dich mit anderen darüber ausgetauscht?

Es waren drei Jahre Text-Arbeit. In größeren Abständen: also schreiben, weglegen, lesen, verwerfen und wieder schreiben. Ich hatte mich auch noch nie so intensiv mit meiner Vergangenheit auseinander gesetzt. Die Herausforderung stellten die vielen Episoden dar. Sie mussten in einen passenden Rahmen gesetzt werden. Das Interessante war aber, je mehr ich mich mit meiner Kindheit beschäftigte, um so tiefer tauchte ich in sie ein. Am Anfang schwirrten da nur Bruchstücke um mich herum, doch beim intensiven Wühlen war ich auf einmal wieder in unserem grusligen Kellerverschlag. Ich hatte den Turnhallengeruch der Jungs-Umkleide in der Nase, den säuerlichen Geruch der Schulspeisung und ich hörte die schiefen Töne des „Trompeterliedes“ aus den Lautsprechern auf dem Appellplatz. Es war eine Reise in die Vergangenheit, die ich in intensiven Gesprächen mit meiner Frau noch verstärkt habe. Ihre Erlebnisse waren oft ähnlich, wie meine. Vielleicht nicht ganz so drastisch, aber es gab da viele Parallelen.

 

Text und Illustrationen stammen von Dir. Wie läuft dein Arbeitsprozess ab? Entsteht zuerst der Text oder die Bilder oder beides im Wechselspiel?

Bei diesem Buchprojekt war als erstes der Text da! Ich muss dazu sagen, meine Frau hatte ihn gelesen und mit Bestimmtheit gesagt: „Da musst du nichts zu zeichnen, es ploppen beim Lesen schon so viele eigene Bilder auf!“ Ich habe mit ihr diskutiert, dass da unbedingt noch Zeichnungen rein müssen und zwar in schwarz-weiß. Aber sie kennen meine Frau nicht, es war aussichtslos. Als ich dann heimlich die ersten Blätter mit schwarzer Tusche und Bleistift an meinem Zeichentisch fertigte, hat sie nur geschmunzelt. Ich konnte es nicht lassen, denn eigentlich bin ich ja Zeichner und gerade bei diesem Projekt sollten sich Text und Illustration zum Ganzen verbinden. Also, meine Idee war, dass beim Lesen Bilder entstehen, die sich mit den Illustrationen kongenial verbinden. So eine Art Déjà-vu! Ich wollte es schaffen, dass Text und Illustration sich gegenseitig beflügeln und wie in einer Filmblende kaum sichtbar ineinander übergehen. Dabei war mir wichtig, so detailreich wie möglich diesen inneren Film aufs Papier zu bringen. Es sind um die Hundert Illustrationen geworden. Über ein Jahr habe ich an meinem Zeichentisch gefiebert, bis es dann so weit war: Ein Teil von mir, meiner Kindheit und Jugend, meiner lieben Mutter und meinem besten Freund lagen irgendwann fertig vor mir. Bei der ersten Lesung, der Buchpremiere in Berlin-Pankow (meinem Geburtsort) rief meine Frau aus der Besuchermenge: „Du musst das Buch hochhalten und die Bilder zeigen, die sind wichtig zur Geschichte die du erzählst!“

 

Du erzählst vor allem kleine Geschichten, Begegnungen, Erfahrungen aus dem alltäglichen Leben der jungen Protagonisten. Nur zwischendurch stößt man immer wieder auf Ereignisse, die durch die politischen Umstände bedingt sind. War es dir wichtig, die Bedeutung der kleinen und großen Dinge im Alltag der Menschen hervorzuheben, die vielleicht gar nicht so sehr durch Zeit und Ort des Aufwachsens bedingt sind?

Ich glaube es waren von Anfang an die kleinen Geschichten, Begebenheiten und Abenteuer, die mich interessiert haben. Eine fantastische Welt, die man sich als Kind baut und liebt. Sonst wäre mein jüngster Sohn auch nicht so darauf angesprungen.

Man hat erst mal nicht das große Ganze im Blick. Das kommt später, das blitzt in der Jugend wieder auf, bis es sich zu einem Bild formt. So war das auch bei mir, das Gesellschaftspolitische interessierte mich nicht, als ich klein war. Erst als ich in der Schule auf das starre ideologische System blickte und auch aneckte, sind mir allmählich die politischen Zwänge dieses eingemauerten Landes klar geworden.
Kinder haben naturgemäß einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und handeln pragmatisch, was man gut an ihrem Spielverhalten beobachten kann. Sie sind sehr verletzbare Wesen und erleben nicht nur die Sonnenseite des Lebens. Ich wollte diese Erzählweise aufnehmen, mit all den lustigen, komischen, naiven, berührenden aber auch brutalen Dingen. Und natürlich, sollten die Geschichten keinen Staub ansetzen, sondern Parallelen zu heutigen Kinderabenteuern aufweisen.

[Das Gespräch mit dem Autor hat Lena Anlauf vom kunstanst!fter Verlag geführt, die Bilder wurden dankenswerterweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.] 

 

 Über den Autor:


Matthias Friedrich Muecke wurde 1965 in Ostberlin geboren. Nach einer Berufsausbildung bei der Denkmalpflege, Abitur und Abendstudium an der Kunsthochschule Berlin Weißensee, arbeitete er als Schaufensterdekorateur, Heizer und Ausstellungstechniker. Seit 1988 ist er freiberuflich als Maler, Grafiker und Szenenbildner für Film und Fernsehen tätig. Seine Werke wurden in diversen Einzelausstellungen präsentiert, darüber hinaus veröffentlichte er etliche Bücher. Im Jahr 2000 gründete er die Edition Mueckenschwarm. 2009 wurde er von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet, 2013 erhielt er den Brandenburgischen Kunstpreis und 2015 den Nordhäuser Grafikpreis. Matthias Friedrich Muecke lebt in Krummenpfahl und Leipzig.

"Niemandsland" von Matthias Friedrich Mücke, Hardcover mit rotem Farbschnitt und Leseband, 208 Seiten,
Format: 160 x 230 mm, € 24,- (D),
ISBN: 978-3-942795-85-2, erschienen im Kunstanst!fter Verlag



 

 

Matthias Friedrich Muecke | Foto: privat

 

 

 

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