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Anke Gebert, Pendragon Verlag

Lesungen und Gespräche sind in jedem Jahr Glanzlichter der BUCHMACHER-Messe. Durch die Absage der Messe für unabhängige Verlage, haben wir die eingeladenen Autor*innen gebeten, uns ein Interview zu geben. Im dritten Interview spricht Autorin Anke Gebert über ihr neues Buch "Wo Du nicht bist". 

Über die Autorin: Anke Gebert studierte u. a. am Deutschen Literaturinstitut ­Leipzig und arbeitete in verschiedenen Berufen, bevor sie in ­Hamburg an der Media School Film ein Drehbuch-Studium absolvierte. Seit einigen Jahren ist sie freie Autorin von Romanen, erzählenden Sachbüchern und Drehbüchern. Für ihre Arbeiten erhielt sie diverse Preise. Anke Gebert lebt in Hamburg, ist verheiratet und hat einen Sohn. 

Wie kam es dazu, dass Sie von Irmas und Erichs außergewöhnlichen Geschichte erfahren haben?

Vor einigen Jahren brachte mich die Malerin Sabine Zache aus Ahrenshoop mit einem netten Ehepaar aus Berlin in Kontakt, mit Bärbel und Helmut Schimmel. Die Beiden waren bei Sichtung eines Nachlasses auf die Geschichte einer Verwandten gestoßen, auf die unglaubliche und vielleicht einmalige Geschichte von Irma Weckmüller, die nach dem Krieg sieben Jahre lang darum gekämpft hat, ihre große Liebe post mortem heiraten zu dürfen. Und die dies dann tatsächlich geschafft hat. Die Eheleute Schimmel meinten, dass diese Geschichte vielleicht ein Buch wert sei und fragten mich, ob ich mir die ganzen Unterlagen, die es über diese Geschichte gibt, mal ansehen würde. Und das tat ich dann eines Tages.  

Was hat Sie letztlich dazu bewegt, daraus ein Buch zu machen?  

Ich habe großen Respekt davor, Geschichten nach wahren Begebenheiten zu schreiben, erst recht dann, wenn sie in einer Zeit spielen, in der ich nicht gelebt habe. Bei dieser Geschichte handelt es sich zudem noch um eine Geschichte, die im Dritten Reich spielt, in der es um die Anfänge des Faschismus geht, in der es um schlimmste Vergehen gegen die Menschheit geht. Zu diesen Themen gibt es herausragende Romane und Filme, in denen alles sehr eindringlich gesagt und gezeigt wird. Was mich trotzdem dazu bewegt hat, den Roman Wo du nicht bist zu schreiben, ist das Besondere, das Einmalige an dieser wahren Geschichte: Dass meine weibliche Hauptfigur Irma, eine Verkäuferin im Kaufhaus des Westens in Berlin, darum kämpfte, ihre große Liebe Erich Bragenheim heiraten zu dürfen, nachdem er im Konzentrationslager umgebracht worden war. Ein vielleicht einmaliger Fall in der deutschen Justizgeschichte.  

Sie haben die wahren Personen in Ihrem Roman nie kennengelernt und hatten bloß einen alten Koffer voller Dokumente, darunter ein paar Fotos, aber vor allem den Briefwechsel zwischen Irma und ihrem Rechtsanwalt, der sie bei ihrem Vorhaben, posthum zu heiraten, unterstützt hat. Wie sind Sie dabei vorgegangen, Irmas und Erichs Charaktere zu kreieren? Wonach haben Sie entschieden, welche Persönlichkeiten sie bekommen – und wie sie handeln werden?  

Ja, es stimmt, ich hatte nur ein paar Fotos und einige Dokumente, also habe ich mir vorgestellt, wie jede einzelne meiner Figuren im Roman gewesen sein könnte. Wie ich mir vorstelle, dass sie gewesen sind. Aber das ist etwas, das man als Autor oder Autorin ja immer, bei jedem seiner Romane machen muss. Ich musste über Irma und Erich hinaus auch alle anderen Figuren in diesem Roman erfinden. Die meisten existierten ja in der wahren Geschichte gar nicht – die Schwester von Irma, die Kollegen im Kaufhaus des Westens, die Nachbarn im Wedding oder in Charlottenburg – und deren Verhalten beim immer stärker werdenden Faschismus in Berlin.  

Wie lief Ihr Arbeitsprozess (die Planung, die Recherche, das Schreiben des Romans) ab?  

Ehrlich gesagt, habe ich das Projekt zunächst ziemlich lange liegenlassen, weil ich zum einen zunächst noch an anderen Stoffen arbeitete. Und zum anderen, weil ich so großen Respekt vor dieser Geschichte hatte. Aber diese außergewöhnliche Geschichte einer Frau, die darum kämpft, ihre große Liebe post mortem heiraten zu dürfen, ging mir zu keiner Zeit aus dem Kopf. Eines Tages habe ich dann beschlossen, sie endlich zu Papier zu bringen. Zuerst habe ich die Figuren entwickelt, danach einen Plot. Dafür habe ich sämtliche Dokumente ausgewertet. Und irgendwann schrieb ich dann die erste Szene. Diese Szene hatte ich schön während der Vorbereitung immer wie eine Filmszene im Kopf.  Bei all meinen Überarbeitungen des Manuskripts ist es immer die erste Szene des Romans geblieben – und nun auch als solche im Buch.  

War es schwierig, diese Thematik zu bearbeiten? Gab es zum Beispiel Besonderheiten auf emotionaler Ebene, die Sie sehr berührt haben?  

Wie ich bereits erwähnte, habe ich großen Respekt davor, Geschichten zu schreiben, die in einer Zeit spielen, in der ich selbst nicht gelebt habe. Es kommt mir dann so vor, als schreibe ich dann über ein Land, in dem ich noch nie war. Ich weiß nicht, wie die Menschen dort sind, wie die Orte aussehen, wie es riecht, wie es schmeckt und ich kenne ihre Sprache nicht gut. In meinem Roman "Wo du nicht bist" geht es zudem auch noch um eine große Liebe zwischen einer Arierin und einem Juden. Es geht um Erich, der im Konzentrationslager vergast wurde. Ich hätte es als anmaßend gefunden, mich als Autorin im Jahr 2020 mit einer Tasse Tee an meinen Schreibtisch zu setzen und mir mal eben eine KZ-Szene auszudenken und zu Papier zu bringen. Also habe ich beschlossen, an bestimmte Sachverhalte nicht zu dicht heranzugehen, und vor allem eine große berührende Liebesgeschichte zu schreiben.
Eine Liebesgeschichte, in der wir Menschen erleben, wie es sie bis heute gibt: liebende Menschen und mutige Menschen, aber auch feige oder missgünstige Menschen, Denunzianten und Intriganten. Menschen, die mit aller Macht die Liebe zwischen Irma und Erich verhindern wollen. Menschen, deren Masken – wie überall auf der Welt spätestens in schwierigen Zeiten – fallen und die erst dann ihre wahren Gesichter zeigen. Die einen ihre überraschend schönen Gesichter. Die anderen leider ihre boshaften und gefährlichen Fratzen.
Ich staune immer wieder darüber, dass es so ist und finde es sehr reizvoll, Szenen zu schreiben, in denen dies deutlich wird. Das ist außerdem absolut zeitlos, weil sich Menschen zu allen Zeiten so oder so verhalten. Gleichermaßen belastet diese Erkenntnis den Schreibprozess etwas, weil man währenddessen alles mit seinen fiktiven Figuren, die man zum Leben erweckt hat, miterlebt. Und mitfühlt.  

Stimmt es, dass für Erich Bragenheim, die männliche Hauptfigur des Romans, ein Stolperstein verlegt werden soll?

Ja. Ende Mai 2020. Am Kurfürstendamm 141, dort, wo sich einst Erich Bragenheims Wohnhaus und Arztpraxis befand. Dort, wo die Geschichte meines Romans vorrangig spielt. Die Stiftung des Künstlers Gunter Demnig wird den Stein dort im Beisein des Ehepaars Schimmel, das mir die Dokumente für diese Geschichte anvertraute, und in meinem Beisein verlegen.  

 

Über das Buch:

 

Anke Gebert
"Wo Du nicht bist", Roman
Gebunden mit Schutzumschlag
296 Seiten, PB, Euro 24,00
ISBN: 978-3-86532-672-0
Auch als eBook erhältlich.
Erschienen im Pendragon Verlag

 

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