Buchmacher@home | HP Daniels, :Transit Verlag

Lesungen und Gespräche sind in jedem Jahr Glanzlichter der BUCHMACHER-Messe. Durch die Absage der Messe für unabhängige Verlage, haben wir die eingeladenen Autor*innen gebeten, uns ein Interview zu geben. Im vierten Interview spricht der Autor HP Daniels über sein neues Buch "Runaway".

Über das Buch: Zwei Sechzehnjährige haben die Schnauze voll – von ihren tyrannischen Vätern, den autoritären, noch Nazi-verseuchten Lehrern und auch davon, dass sie sich nicht richtig dagegen wehren konnten. Eines Morgens ist Schluss. Sie packen ihre Schultaschen, treffen sich am Münchner Hauptbahnhof, steigen in den Zug nach Hamburg und sind weg. Dort werden sie von Studenten aufgenommen, die gerade gegen die Notstandsgesetze protestieren, was ihnen aber viel zu hysterisch vorkommt. Dann ziehen sie von einer Bleibe zur nächsten, verstecken sich in Dachböden, hängen mit Rockmusikern zusammen und deren coolen Freundinnen – aber immer bleibt die Frage: was wollen wir überhaupt? Der eine will Musiker werden oder Schriftsteller, der andere Zeichner. Aber wie schafft man das? Die Flucht nimmt ein abruptes Ende. Sie haben verloren – sind aber andere geworden.

Sie schildern das alles sehr nah und authentisch, dass man sich fragt, in wie weit Sie das selbst erlebt haben, in wie weit der Roman autobiografisch geprägt ist?

HPD: Es ist keine Autobiografie, sondern ein Roman. Da ist vieles erfunden und gestaltet. Erfunden und gestaltet allerdings aus Erinnerungen, an Situationen, Geschichten und Menschen, die mir vielleicht einmal begegnet sind. Neulich hörte ich zum ersten Mal den Begriff der "Autofiktion". Vielleicht ist es das: Wenn man aus Erinnerungen an reale Menschen und Begebenheiten neue Menschen und Begebenheiten erfindet. Ich glaube, dass im Grunde genommen fast jeder Schriftsteller so arbeitet. Mit unterschiedlichen Graden der Verfremdung.

Sie sprachen von der Musik, dem Beat, der Rockmusik als einer frühen Form der Jugendrebellion. Auch in "Runaway" spielt die Musik eine tragende Rolle. Fast wie ein Soundtrack zieht sie sich durch den ganzen Roman.

HPD: Vielleicht liegt es daran, dass ich selber Musiker bin, und dass ich mich mein ganzes Leben lang intensiv mit Musik befasst habe. Aber ich glaube auch, dass die Musik in den 60er Jahren noch ein wesentlich bedeutenderer Faktor bei der Sozialisation war Jugendlichen war, als fester Bestandteil der Jugendkultur. Ganz anders als heute, wo das nicht mehr so eine große Rolle spielt. Ich bin noch stark geprägt von den Beatles, den Stones, den Kinks und Bob Dylan. Und so hat sich das dann auch ganz automatisch in den Roman eingeschlichen.

Beim Lesen von "Runaway" hat man das Gefühl, dass Ihre ganze Art zu schreiben, Ihre Sprache, auch davon geprägt ist: Von der Musik, vom Beat, vom Rock 'n' Roll.

HPD: Wenn es so wäre, würde es mich freuen. Ich war immer interessiert an einer Sprache, die einen bestimmten Sound hat - eine Melodie, einen Rhythmus. Das hatte mir schon als Jugendlichem gefallen. Bei Hubert Fichte zum Beispiel, in seinem Roman "Die Palette" … Sätze wie: "Jäcki geht über den Gänsemarkt. Jäcki geht vier Stufen hinunter. Jäcki macht die Tür wieder zu. Der erste Besuch dauert fünf Minuten. Das ist für die Palette nicht wichtig." Das zieht mich sofort mit. Und wenn man dann auch noch hört, wie Hubert Fichte das vorgelesen hat, 1968, im Hamburger Star Club, einzelne Kapitel zwischen live gespielten Songs der englischen Beatgruppe Ian and the Zodiacs, dann bekommt man vielleicht eine Vorstellung davon, was ich meine mit Melodie und Rhythmus in der Literatur. Und was mich und meine Arbeit beeinflusst hat. Jack Kerouac hatte auch dieses musikalische in seiner Sprache, das Melodisch-rhythmische: Wenn er zu einer Jazzpiano-Begleitung Passagen aus "On the Road" las.

Der geografische Ausgangspunkt Ihres Romans ist München, er spielt dann hauptsächlich in Hamburg, und zum Ende hin in Schleswig-Holstein, in der Gegend von Bad Oldesloe. Wieso ausgerechnet dort? Im Kreis Stormarn. Haben Sie eine besondere Beziehung zu der Gegend?

HPD: Ich hatte erst erwogen, mir fiktive Orte auszudenken, dachte aber schließlich, dass es der Geschichte mehr Authentizität gäbe, wenn sie an realen Orten spielte. Bad Oldesloe bot sich an, weil ich die Stadt ganz gut kannte, weil ich dort oft meine Schulferien verbracht hatte. Inzwischen war ich allerdings seit Jahrzehnten nicht mehr dort.

Zum Abschluss noch die Frage: Arbeiten Sie zur Zeit an einem neuen Buch, und wenn ja, verraten Sie uns schon, worum es da geht?

HPD: Der neue Roman ist fast fertig. Er ist, grob gesagt, eine Art Fortsetzung zu "Runaway": Die Geschichte der Hauptfigur Petty weitererzählt bis in die Siebziger.

 

Über den Autor: HP Daniels, in München geboren, lebt als Autor, Journalist und Musiker in Berlin. Autor von Kurzgeschichten, Features, Portraits, Reportagen für verschiedene Zeitungen und Rundfunksender. Seit 1998 Musikjournalist für den Tagesspiegel, vor allem über Rock- und Pop-Musik.

"Runaway", Roman von HP Daniels
20,00 € inkl. MWSt.
Ein atmosphärisch dichtes Road Movie über eine Jugend in den 60er Jahren, über eine stachlige Zeit, die extrem autoritär war, aber auch Fenster aufstieß in ein neues, Freiheit versprechendes Lebensgefühl.
184 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag, Artikelnummer: 978 3 88747 368 6
Erschienen im :Transit Verlag

HP Daniels | Foto: Peter-M. Scheibner

 

 

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