Erster Abend mit Prof. Dr. Julius H. Schoeps

In thematischer Nähe zum diesjährigen Schleswig-Holstein Musik Festival, das sich den Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy als Schwerpunkt gewählt hat, veranstaltet St. Petri zu Lübeck zwei Abende zur Epoche der Romantik. Am Montag, dem 14. Juli 2014, um 20 Uhr, spricht Prof. Dr. Julius H. Schoeps, Leiter des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien, über seinen berühmten Vorfahren: „Verdunkelter Nachruhm. Die Deutschen und Felix Mendelssohn Bartholdy.“

Felix Mendelssohn Bartholdy wurde zu Lebzeiten als großer Komponist und Musiker gefeiert, aber über seinem Nachruhm liegen teilweise dunkle Schatten. Dazu beigetragen hat das Verdikt Richard Wagners, der in seinem 1850 unter dem Pseudonym K. Freigedank erschienenen Pamphlet „Das Judentum in der Musik“ Mendelssohn zwar Talentfülle, Bildung und Ehrgefühl attestierte, aber bezweifelte, dass dieser Herz und Seele der Deutschen ansprechen könne. Der Eintritt kostet € 10 (erm. € 8). Musik: Žilvinas Brazauskas, Klarinette - Natania Hoffman, Cello - Violetta Khachikyan, Klavier. Begrüßung und Einführung: Antje Peters-Hirt. Karten sind nur an der Abendkasse erhältlich.

 

Mehr zum Themenschwerpunkt:

Aspekte der Romantik oder „Die Entstehung ästhetischer Subjektivität“ (Karl-Heinz Bohrer)

Sich heute mit Romantik zu beschäftigen, ist für manche vielleicht gar nicht so naheliegend. Sie fragen vielleicht: Wie weit weg ist das denn? Wir Heutigen verbinden mit Romantik unser Gefühl von romantisch, das gern mit individueller Schwärmerei einhergeht. Die Romantik als Zeitstil wird mit Natur, Sentimentalität und vielleicht noch mit Ruinen in Zusammenhang gebracht. Die Romantik ist gar nicht so weit weg, wie man annehmen mag. Ihre Fragen, Leiden, Sehn-süchte und Widersprüche treiben uns noch heute um. Deswegen haben wir uns entschieden, mit unserem Literatursommer den Schwerpunkt der Schleswig-Holstein Musik Festivals aufzunehmen. Außerdem wird die Gemeinnützige in Ihrem „Fliegenden Salon“ das Thema mit vielen kleinen Veranstaltungen lokal unterfüttern.

Es geht in der Romantik (abgeleitet von „lingua romana“ zu Roman, etymologisch romanhaft-unwirklich, erfunden, phantastisch, poetisch) um einen Gegenentwurf zur Klassik und zur Aufklärung. Die klassisch-idealistische Antike wird ebenso wenig wie die Gottheit „Vernunft“ verehrt. Die Romantik ist eine Kunst-, Lebens- und Weltanschauung. Entdeckt wird der sub-jektive Idealismus: Das Ich steht der Welt gegenüber und versucht, unter dem Motto „Die Welt muss romantisiert werden“ alles zu poetisieren. Das subjektive Gefühl ist das, was zählt. Eine große Rolle spielt die Abkehr von der Tagwelt, Spiritualität, (Hymnen an) die Nacht, Bewusstseinserweiterung im Traum, der Tod, die Erkundung von Tiefenschichten jeder Art, Gefühlskult und jede Menge Irrationalität. Daneben ist die Rückwendung zur Vergangenheit, Mittelalterbegeisterung, Kindheit, Fernweh und Wanderlust stilbildend. Die Selbstfindung der Künstler-Menschen bricht sich an der Konfrontation von Ideal und Wirklichkeit und die ge-wünschten Ziele bleiben oft in der Sehnsucht danach verhaftet, der Traum wird ihm zur Rea-lität. Denn der poetische Mensch ist gefährdet: Er ist zerrissen, ihm droht die Ich-Spaltung, ihm begegnet sein Doppelgänger und er trifft Revenants (Wiedergänger) und andere Ge-spenster. Er arbeitet sich ab an der Verbindung von Kunst und Leben, sprich: Politik oder ignoriert letztere und zieht sich in sein Kunstreich zurück. Aber er ist selten sentimental im heute gern benutzten abfälligen Sinne, im Zweifelsfall versucht er seine Innerlichkeit zu be-wahren.

Für uns entscheidend ist die neue Ästhetik (Subjektivität, neue Gattungen wie Brief, Tagebuch und Volkslied, Mischung der Gattungen, Begeisterung für das „Fragment“), die Bedeutung für die Kulturgeschichte (Salonkultur), das starke Vertretensein des Judentums (was oft mit einer Konversion zum Christentum einhergeht), die Entdeckung der Bedeutung von Frauen in der damaligen Zeit und ihrer Produktivität sowie die politische Entwicklung.


Zu Prof. Dr. Julius H. Schoeps:
Julius H. Schoeps wurde 1942 im Exil in Schweden als Sohn des Religionsphilosophen Hans-Joachim Schoeps und seiner Frau Dorothee Busch geboren. Moses Mendelssohn zählt ebenso zu seinen Vorfahren wie der Religionsreformer David Friedländer und der Arzt Julius Schoeps.
Julius H. Schoeps wuchs in Deutschland auf und studierte in Berlin und Erlangen Geschichte, Politik und Theaterwissenschaften. Er war 1974-91 Professor für Politische Wissenschaft an der Uni Duisburg. Seit 1992 ist er Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam. Zu seinen bedeutendsten Publikationen zählen: „Über Juden und Deutsche“, 2. Neuauflage Hildesheim 2010; „Die missglückte Emanzipation. Wege und Irrwege deutsch-jüdischer Geschichte“, Berlin 2002; „Mein Weg als deutscher Jude“, Zürich 2003; „Das Erbe der Mendels-sohns. Biographie einer Familie“, Frankfurt 2009; „David Friedländer. Freund und Schüler Moses Mendelssohns“, Hildesheim 2006.


Zu Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847)
Erhielt gemeinsam mit seiner Schwester Fanny Klavierunterricht; erster Auftritt mit neune Jahren; 1820 Beginn seiner Komponistentätigkeit; früh bekannt mit Weber, Spohr, Rossini und Meyerbeer; setzte sich für die Aufführung Bachscher Oratorien ein; 1829-32 führte erste Konzertreisen nach England, Schottland und München, Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf und schließlich Paris; die Verbindung mit Leipzig wurde 1836 mit dem Ehrendoktor gekrönt; er setze sich für die Aufführung von Hayden ein und arbeitete selbst an seinem Oratorium „Paulus“. 1837 Heirat mit Cecile Jean Renaud; fünf Kinder; 1840/1 pendelte er zwischen London und Berlin; 1843 Gründung der ersten Musikhochschule in Leipzig; Reisen nach Berlin, Leipzig und England; sein „Elias“ wird uraufgeführt; 14.05.1847 Tod seiner Schwester; darauf erfolgt sein kompletter Rückzug, er verbringt Monate in der Schweiz; in Leipzig erfährt er mehrere Schlaganfälle und stirbt dort am 4.11.1847. Er wird in Berlin beigesetzt.



 

Der Lübeck-Blick vom Petri Aussichtsturm:
Ein Muss in jedem Ausflugsprogramm.

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