Literatursommer mit Prof. Dr. Barbara Hahn

Am Montag, 1. September 2014, um 20 Uhr spricht Prof. Dr. Barbara Hahn über die Frauen der Romantik mit einem Vortrag über Rahel Varnhagen und ihre intellekturellen Zeitgenossinnen: „Zusammen denken, zusammen schreiben. Rahel Levin Varnhagen und ihre Freundinnen.“

Rahel Levin Varnhagen (1771-1833), deutsch-jüdische Salonière, Schriftstellerin und Reisende aus Berlin, ist eine der bekanntesten Intellektuellen der Romantik. Die profunde Kennerin ihres Werkes, Barbara Hahn, schreibt: "Rahel Levin, die große Denkerin aus der Zeit um 1800 hat... keine Bücher veröffentlicht. Ihr Werk ist ein Netzwerk.“ Mit fast 300 Menschen stand sie im Briefwechsel. Da ist es naheliegend, dass Barbara Hahn auch Blicke auf ihre Freundinnen Dorothea Schlegel, Lucie Domeier, Bettine von Arnim und andere wirft, mit denen sie auch in engem Briefkontakt stand. Karten sind nur an der Abendkasse erhältlich, Eintritt € 10 (8).

Mehr zum Themenschwerpunkt: Aspekte der Romantik oder „Die Entstehung ästhetischer Subjektivität“ (Karl-Heinz Bohrer)

Sich heute mit Romantik zu beschäftigen, ist für manche vielleicht gar nicht so naheliegend. Sie fragen vielleicht: Wie weit weg ist das denn? Wir Heutigen verbinden mit Romantik unser Gefühl von romantisch, das gern mit individueller Schwärmerei einhergeht. Die Romantik als Zeitstil wird mit Natur, Sentimentalität und vielleicht noch mit Ruinen in Zusammenhang gebracht. Die Romantik ist gar nicht so weit weg, wie man annehmen mag. Ihre Fragen, Leiden, Sehnsüchte und Widersprüche treiben uns noch heute um. Deswegen haben wir uns entschieden, mit unserem Literatursommer den Schwerpunkt der Schleswig-Holstein Musik Festivals aufzunehmen. Außerdem wird die Gemeinnützige in Ihrem „Fliegenden Salon“ das Thema mit vielen kleinen Veranstaltungen lokal unterfüttern.

Es geht in der Romantik (abgeleitet von „lingua romana“ zu Roman, etymologisch romanhaft-unwirklich, erfunden, phantastisch, poetisch) um einen Gegenentwurf zur Klassik und zur Aufklärung. Die klassisch-idealistische Antike wird ebenso wenig wie die Gottheit „Vernunft“ verehrt. Die Romantik ist eine Kunst-, Lebens- und Weltanschauung. Entdeckt wird der sub-jektive Idealismus: Das Ich steht der Welt gegenüber und versucht, unter dem Motto „Die Welt muss romantisiert werden“ alles zu poetisieren. Das subjektive Gefühl ist das, was zählt. Eine große Rolle spielt die Abkehr von der Tagwelt, Spiritualität, (Hymnen an) die Nacht, Bewusstseinserweiterung im Traum, der Tod, die Erkundung von Tiefenschichten jeder Art, Gefühlskult und jede Menge Irrationalität. Daneben ist die Rückwendung zur Vergangenheit, Mittelalterbegeisterung, Kindheit, Fernweh und Wanderlust stilbildend. Die Selbstfindung der Künstler-Menschen bricht sich an der Konfrontation von Ideal und Wirklichkeit und die gewünschten Ziele bleiben oft in der Sehnsucht danach verhaftet, der Traum wird ihm zur Realität. Denn der poetische Mensch ist gefährdet: Er ist zerrissen, ihm droht die Ich-Spaltung, ihm begegnet sein Doppelgänger und er trifft Revenants (Wiedergänger) und andere Ge-spenster. Er arbeitet sich ab an der Verbindung von Kunst und Leben, sprich: Politik oder ignoriert letztere und zieht sich in sein Kunstreich zurück. Aber er ist selten sentimental im heute gern benutzten abfälligen Sinne, im Zweifelsfall versucht er seine Innerlichkeit zu bewahren.

Für uns entscheidend ist die neue Ästhetik (Subjektivität, neue Gattungen wie Brief, Tagebuch und Volkslied, Mischung der Gattungen, Begeisterung für das „Fragment“), die Bedeutung für die Kulturgeschichte (Salonkultur), das starke Vertretensein des Judentums (was oft mit einer Konversion zum Christentum einhergeht), die Entdeckung der Bedeutung von Frauen in der damaligen Zeit und ihrer Produktivität sowie die politische Entwicklung.

Zu Prof. Dr. Barbara Hahn:
Die deutsche Literaturwissenschaftlerin Barbara Hahn lehrt seit 2004 an der Vanderbilt Uni-versity, von 1996-2004 unterrichtete sie an der Princeton University. Sie promovierte 1989 in Berlin und habilitierte sich 1993 in Hamburg. 2014/5 wird sie Gast am Wissenschaftskolleg zu Berlin sein. Sie veröffentlichte 1990 "Antworten Sie mir. Rahel Levin Varnhagens Briefwechsel"; 1991 "Unter falschem Namen. Von der schwierigen Autorschaft der Frauen"; "Die Jüdin Pallas Athene. Auch eine Theorie der Moderne" erschien 2002; sie publizierte über Hannah Arendt, Ricarda Huch und Margarete Susman sowie Walter Benjamin; 2011 erschien Rahel Levin Varnhagens "Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde" in 6 Bänden bei Wallstein. Weitere Publikationen über Rahel Levin und Hannah Arendt sind in Vorbereitung. Hahn ar-beitet an einem Buch über Träume im 20.Jahrhundert.

Zu Rahel Levin Varnhagen (1771-1833):
Als Tochter eines jüdischen Kaufmanns in Berlin geboren; fünf Geschwister; ein Bruder wird Schriftsteller; 1790-1806 etabliert Rahel Levin ihren ersten Salon im elterlichen Haus in Berlin. Ihre illustren Gäste sind Friedrich und August Schlegel, Ludwig und Friedrich Tieck, Fouqué, Brentano, Schleiermacher, Fichte und die Gebrüder Humboldt. Adlige, Künstler und Intellektuelle gehen mit einander um. Nebenbei erzieht Rahel nach dem Tod ihres Vaters ihre Geschwister und bildet sich auf vielen Gebieten fort.
1795 trifft sie Goethe in Karlsbad und lernt Carl Graf von Finckenstein kennen. Diese Bezie-hung beendet sie 1800, ebenso wir ihre nächste Beziehung zu dem Spanier Don Raphael d’Urquijo im Jahre 1804. Ihr erster Salon löst sich mit den Einzug Napoleons in Berlin auf. 1808 lernt sie den vierzehn Jahre jüngeren Karl August Varnhagen von Ense kennen, den sie nach ihrer evangelischen Taufe 1814 heiratet.
1819 beginnt ihr zweiter Salon, den sie gemeinsam mit ihrem Mann führt. Zu ihren Gästen gehören Heine, Hegel und Ranke. 1830 stirbt Rahel Varnhagen kurz nach ihrem Bruder, dem Schriftsteller Ludwig Robert. Im Juli erscheint „Rahel. Ein Buch des Andenkens für Ihre Freunde“, zusammengestellt und herausgegeben von ihren Freunden. Ihr Ehemann stirbt 1858. Ihre Bedeutung liegt in ihren vielfältigen Briefwechseln mit Großen und Kleinen ihrer Zeit. Sie entdeckt damit nicht nur eine neue Form der Literatur sondern zeigt sich auch als Beobachterin, Denkerin und Schriftstellerin von hohen Graden.


Veranstalter:     St. Petri-Kuratorium, Buchhandlung Hugendubel, Buddenbrookhaus, Bücherstube Caterina Rex.
Unterstützer:     Freunde der Stadtbibliothek Lübeck, Hansestadt Lübeck, Landeskulturverband Schleswig-Holstein, Kulturstiftung Hansestadt Lübeck.

 

Der Lübeck-Blick vom Petri Aussichtsturm:
Ein Muss in jedem Ausflugsprogramm.

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