Buchmacher@home | Sabine Scholl, Secession Verlag

Lesungen und Gespräche sind in jedem Jahr Glanzlichter der BUCHMACHER-Messe. Durch die Absage der Messe für unabhängige Verlage, haben wir die eingeladenen Autor*innen gebeten, uns ein Interview zu geben. Im fünften Interview spricht die Autorin Sabine Scholl über ihr neues Buch "O".

Über das Buch: In ihrem neuen Roman O. greift Sabine Scholl auf Homers Odyssee zurück und liefert eine neue Version des alten Epos aus moderner weiblicher Sicht. Die Heldin des Romans, kurz O. genannt, ist Musikerin und Komponistin; gemeinsam mit ihren Gefährtinnen, einem Chor geflüchteter Frauen, bereist sie die Weltmeere.
In unterschiedliche Gegenden verschlagen, treffen sie auf Bruchstücke und Metamorphosen des homerischen Epos, der griechischen Mythologie und der Realität der gegenwärtigen Welt – immer auf der Suche nach einem Ziel, einem Hafen, einer Hoffnung auf ein anderes, ein gutes Leben.

Frage: Sabine, Du hast in Deinen Romanen Deine Protagonisten immer wieder auf Reisen geschickt, sie in fremden Kulturen Erfahrungen machen lassen. Jetzt hast Du Dich in Deinem neuen Roman »O.« an den Urstoff eines Reisenden schlechthin herangewagt, die Odyssee. Wie ist es dazu gekommen?

Sabine Scholl: Dieser Text beschäftigt mich seit Langem, und mir ist immer wieder aufgefallen, wie wenig präsent die Frauenfiguren sind in ihm sind, wie sehr sie vom männlichen Blick bestimmt sind und nur mit ihrem Namen vorkommen oder mit ihren Beziehungen zu einem der Helden, also als die Frau von X und die Mutter von Y. Eine eigene Geschichte haben sie nicht. Ich habe mich dann gefragt, wie sich die Abenteuergeschichte verändern würde, wenn Frauen die Hauptrollen spielen würden und zum Beispiel die wichtigste Figur der Odyssee eine Frau wäre.

Frage: Es gibt darüber hinaus eine offensichtliche Beziehung zwischen Deinem Roman »O.« und den Flüchtlingen, die heute das Mittelmeer in unsicheren Booten überqueren, um ein besseres Leben zu finden oder um ihre Haut zu retten.

Sabine Scholl: Es ist tatsächlich so, dass die Lage der Flüchtlinge im Mittelmeer und den Anrainerstaaten der Anlass für dieses Buch gewesen ist. Aber auch hier existieren zahlreiche Berichte von Männern, aber nur sehr wenige von Frauen, obwohl die Flucht für sie noch eine ganz andere Sache ist, erst recht mit Kindern und wenn sie schwanger sind. Das ist sehr unterrepräsentiert. Auch das war ein Grund, warum ich Frauen in diesem Roman in den Vordergrund stellen wollte.

Frage: Aber noch einmal, warum dann die Odyssee als Ausgangspunkt?

Sabine Scholl: Ich habe aber nach einer Vorlage gesucht, um das nicht in der Jetzt-Zeit zu situieren, so wie es uns in den Medien heute vermittelt wird. Ich wollte es aus der aufgeregten Gegenwart eher herausnehmen und auf ein allgemeines Menschheitsmuster zurückführen, auch, um die hochgeschaukelten Emotionen in eine andere Richtung zu bringen.  Dabei bin ich wieder auf die Odyssee gestoßen, die ja so etwas wie ein Ursprungsmythos des Weggehens, des Sichverirrens und des Ankommens – oder auch nicht – ist.

Frage: Wie bist Du beim Schreiben vorgegangen?

Sabine Scholl: Ich habe die Vorlage genommen und Berichte aus der Gegenwart von Flüchtlingen eingebaut. Es ist also eine Überlagerung von Gegenwart und Antike. Es kommen gegenwärtige Gegenstände vor, wie das Smartphone, aber es gibt auch die Möglichkeiten zur Verwandlung und Auferstehen. Die Gefährtinnen von O. erhalten immer wieder eine neue Chance, sie dürfen immer wieder weiterleben, werden immer wieder aufgenommen und immer wieder weggeschickt. Es gibt da dieses Hoffnungselement in einem enthobenen mythischen Raum.  Andererseits gibt so viele Vorgaben, die man nicht ganz zur Seite werfen möchte, wenn man dieses Epos verwendet. Ich hatte auch nicht so ein klares Bild, was wann geschehen wird, und habe mich Kapitel für Kapitel vorgearbeitet. Ich hatte ein Vorbild für die O., eine Komponistin, darum ist die O. auch eine Musikerin. Am schwierigsten war für mich der Schluss, denn in der Odyssee gibt es ja eine Heimkehr, ein sehr großer Teil.  Ich konnte damit aber wenig anfangen, es war mir auch zu brutal. Darum hat es sich bei mir so ergeben, dass es dreimal Versuche einer Rückkehr gibt, aber im Grunde gibt es keine Rückkehr.

Frage: Du bist in einer sehr ländlichen Gegend aufgewachsen, von dort aber an viele Orte der Welt aufgebrochen, an denen Du auch längere Zeit gelebt hast. In welchem Verhältnis steht diese Migrationserfahrung zu den Migrationserfahrungen, über die Du schreibst?

Sabine Scholl: Natürlich konnte ich aus den Erfahrungen schöpfen, die ich selbst gemacht habe, oder auch aus den Erfahrungen von Freundinnen und Freunden, die ähnliche Ortswechsel durchgemacht haben. Wer nicht immer an einem Ort gelebt und gearbeitet hat, stellt sich vermehrt Fragen über Herkunft, Zugehörigkeit, Möglichkeiten von Rückkehr oder Probleme des Bleibens, wie z.B. bürokratische Hürden, Einwanderungsbeschränkungen, Visa-Trouble und so weiter. Das entsteht aus der Lebenspraxis jedes Menschen, der mal länger in einem anderen Land als dem, in dem man geboren wurde, gewohnt hat. Aber dann gibt es doch noch große Unterschiede dabei, ob man in ein privilegiertes Land geboren wurde und dadurch mehr Rechte auch zur Bewegungsfreiheit hat oder eben nicht. Dieser Konflikt bestimmt meine Heldin im Buch, denn sie ist trotz allem besser gestellt als ihre Gefährtinnen aus Ländern der sogenannten Dritten Welt.

 

Über die Autorin: Sabine Scholl, geb. 1959, in Oberösterreich, studierte Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaften in Wien. Nach ihrer Promotion lehrte sie in Aveiro, Chicago, Nagoya und Wien. Zurzeit unterrichtet sie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Ihr bisheriges Werk wurde mit zahlreichen Preisen, darunter der Rauriser Literaturpreis, der Theodor-Körner-Preis (1992) sowie der Österreichische Förderpreis für Literatur (1995), ausgezeichnet.


"O." Roman von Sabine Scholl
€ (D) 22.00 
300 Seiten, gebunden ohne Schutzumschlag
ISBN: 978-3-96639-022-4
ISBN (E-Book): 978-3-96639-023-1
Erschienen im Secession Verlag

Sabine Scholl | Foto: www.literaturfoto.net

 

 

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